Nach rund 6 Jahren ist es mir endlich gelungen, mal Clive Barker’s Undying zu Ende zu spielen. Ein Spiel, das von Gamespot zum “Best game that no one played” gewählt wurde. Schwer zu sagen, woran es lag, dass Undying so gefloppt ist. Das Spiel hat völlig zu Recht enthusiastische Kritiken erhalten und gilt nach wie vor als Geheimtipp.
Dennoch waren die Verkaufszahlen erbärmlich. So erbärmlich, dass sich EA dagegen entschieden hatten, den angekündigten Multiplayer-Patch nachzuliefern oder den angedachten zweiten Teil in Angriff zu nehmen. Sehr schade.
Vielleicht war es einfach die falsche Zeit für so ein Spiel - oder Grusel ist einfach kein sehr populäres Genre. Vielleicht genügt es auch einfach nicht, “eine gute Story zu haben”. Fakt ist, dass Undying nicht sehr originell klingt, wenn man nur darüber schreibt oder davon redet. Es ist wie ein gutes Buch, dessen Wert man erst erkennt, wenn man es tatsächlich mal aufschlägt und liest.
Als Clive Barker zur Entwicklung des Spiels herangezogen wurde, war es bereits ein laufendes Projekt, zu dem er nur etwas Unterstützung bei der Rahmenhandlung liefern sollte. Wie einige Änderungen auf Clive Barkers Website dokumentieren, war es eine sehr gute Entscheidung, ihm quasi die Zügel für die Story in die Hand zu geben.
Storytechnisch flirtet Undying mit dem Cthulhu-Mythos und anderen klassischen Grusel-Elementen. Natürlich spielt es auch um 1920 herum. Für ein Spiel, das technisch gesehen ein Ego-Shooter ist, ist die Handlung allererste Sahne. Und an der Präsentation ist beim besten Willen nichts auszusetzen. Die alte Unreal-Engine wurde bis zum geht nicht mehr ausgereizt und das Spiel sieht auch nach heutigen Maßstäben noch ziemlich gut aus. Ach, was rede ich - es sieht großartig aus.
Die Geschichte beginnt in einem alten Herrenhaus - es ist Nacht und (natürlich) bricht ein Gewitter von epischen Proportionen über das Anwesen herab. Es ist die perfekte Nacht zur Geisterjagd. Alleine das Anwesen der Covenants, um das sich das Gros der Handlung dreht, ist atmosphärisch perfekt und beschwört makellosen, wohligen Grusel herauf. Von da aus geht es zu unheimlichen Mausoleen, Klosterruinen und fremdartigen Dimensionen, aus denen unheilige Schrecken in diese Welt kommen.
Es gibt ein vorbildliches Inventar mit Tagebucheinträgen und Missionszielen, dass vom Screendesign her perfekt in die gesamte Atmosphäre passt. Ein wenig störend sind die quietschbunten Info-Anzeigen im unteren Bildschirmrand, aber daran gewöhnt man sich recht schnell. Der Protagonist hat mit eines der kreativsten Arsenale, die ich bisher je in einem Shooter gesehen habe, und peppt diese Auswahl an kuriosen Waffen noch durch eine Handvoll
nützlicher Zauber auf. Was mir persönlich wirklich gefallen hat, war, dass diese Zauber nicht nur eine Sammlung weiterer Vernichtungswerkzeuge darstellen, sondern auch Tricks enthalten, mit denen man Verborgenes oder Echos der Vergangenheit zu sehen vermag, magische Täuschungen aufheben oder sich selbst gewaltig beschleunigen kann. Gerade der Hellsicht-Zauber “Scrye” ist zwangsläufig einer der am meisten verwendeten Zauber im Spiel, da es alle Naselang etwas verborgenes oder geisterhaftes zu sehen gibt.
Ein Spiel, dass einen wie in einen spannenden Gruselfilm aufsaugt und auf eine schaurig-schöne Reise mitnimmt. Vorbildliches Leveldesign, ein interessanter Mix aus Action, Story und Rätseln,
stimmungsvolle Musik sowie durchaus hochqualitative Dialoge (mit geilen irischen Akzenten). Mir fallen nicht viele aktuelle Spiele ein, die so viele “Wow!”-Kriterien erfüllen. Dennoch ist es kommerziell gefloppt. Total seltsam und sehr, sehr schade.
Wer die Chance hat, dieses Kleinod noch mal zu zocken, sollte sich auf keinem Fall vom Alter des Spiels abschrecken lassen. Undying ist eine echte Perle im Schlamm der Mittelmäßigkeit.