Zone 30
Hier ist ein Tipp: Werdet nicht 30, denn danach fängt das Leben an, echt stressig zu werden. Das erste, was auffällt, ist die Zeitwahrnehmung – es gab Zeiten, in denen eine Woche viel Zeit war. Das hört ab 30 schlagartig auf. Einmal kurz nicht aufgepasst, zack!, eine Woche vorbei. Einmal innegehalten, wo denn die Woche hin ist, zack!, ein Monat vorbei. Man plant nicht mehr in Tagen oder Wochen, sondern in Monaten und Jahren.
Aber die sich radikal verändernde Zeitwahrnehmung ist längst nicht alles. Man hat plötzlich ein komplett undefinierbares Alter. Aus Sicht der Twens und Jüngeren ist man entweder ein alter Sack oder “technisch gesehen” noch irgendwo um die späten 20 herum. Also wird man entweder behandelt, als wenn man die Reife und Kompetenz eines Vierzigjährigen hätte (eek!) oder als wenn man noch dieselben Sorgen und Probleme wie mit 26 hätte. Für die End-Dreißiger und Vierzigjährigen wiederum ist man sowas wie ein Erwachsener auf Bewährungsprobe oder ein übriggebliebener Twen und wird entweder erstmal gar nicht wahrgenommen oder umso härter auf den Prüfstand gestellt.
Das alles in Kombination ist ein bisschen wie eine zweite Pubertät – nur ohne Stimmbruch und Akne. Irgendwie wiederholt sich doch alles im Leben. A propos Pubertät – der Umgang mit dem anderen Geschlecht wird auch nicht einfacher. Frauen um die 30 suchen plötzlich nach Eigenschaften, die Dich vorher entweder als spießig oder langweilig gebrandmarkt hätten und haben eine lange gepflegte Checkliste, nach der man bewertet wird (ja, es gibt genug Männer auf die das auch zutrifft, ich weiß). Nach einer gewissen Sammlung an Pleiten (auch “Erfahrung” genannt) ist man vermutlich aus der Experimentierlaune heraus. Es muss diesmal klappen oder gar nicht – noch mehr Zeitverlust lässt die tickende biologische Uhr nicht zu. Das kann fix ziemlich anstrengend werden. Wer jetzt noch Single ist, hat entweder Nerven wie Drahtseile, keine Freunde oder die totale Torschlusspanik. Meiner Beobachtung nach, sind die mit den starken Nerven in der eindeutigen Unterzahl. -.-
Im Ernst, es ist schwierig. Langjährige Freunde und Exen sind mittlerweile entweder verheiratet, verlobt oder zumindest bekindet, haben Haus, Hypothek und Hund und machen plötzlich einen auf Erwachsen. Wenn man da nicht mithalten kann, kommt man sich fix deplatziert vor (sofern man nicht die zuvor erwähnten Nerven wie Drahtseile hat). Mir kommt es vor, als ob ich eben erst mein Studium beendet hätte. Tatsächlich aber liegt zwischen dann und heute etliche Jahre, in denen ich auf einen bunten Katalog mehr oder weniger interessanter Jobs und gescheiterter Beziehungen zurückblicken kann. Ich habe das Gefühl, irgendwo eine Regieansage verpasst zu haben, nach der sich mein Leben irgendwie hätte grundlegend verändern sollen. Und ich weiß, das ich mit dem Gefühl nicht alleine bin. Ich sehe nirgends so viel Variation wie zwischen Dreißigjährigen. Von Pullilträgern, die das Spießbürgertum erfolgreich erreicht haben, bis hin zu denen, die sich verzweifelt an die wilde Studienzeit klammern. Es ist ohne Zweifel der Lebensabschnitt der Desorientierung.
Aber was ist das Ziel? Auf der einen Seite sind da die Erwartungen, die an einen gesetzt werden (und die man jetzt doch endlich mal erfüllen sollte) sowie das Gefühl, das einem die Zeit davonrennt. Ein Gefühl, das ja von den Medien auch nach Leibeskräften unterstützt wird. Was nützt es einem, wenn 60 das neue 40 ist, wenn man mit 30 schon als gesellschaftlich tot gilt (mit über 25 ja eigentlich schon). Auf der anderen Seite das subjektive Gefühl, eigentlich auch nicht so viel anders zu sein, als man das vor 5 Jahren auch war (mit Ausnahme der eingangs erwähnten Temporalverschiebung). Die Probleme sind jedenfalls nicht mehr dieselben – man denkt zweifelsohne ganz anders über die Zukunft nach, als vor dem Übertreten dieser magischen Grenze. Tatsächlich kommt es einem so vor, als wenn man erst jetzt wirklich wüsste, was echte Probleme sind. Alles in allem saugt der Zustand ganz fürchterlich. Ich für meinen Teil wähle daher den einfachen Weg raus und definiere mich als ewig 28. Vielleicht kriege ich mich soweit davon überzeugt, das auch die Zeit nicht mehr ganz so furchtbar schnell vergeht.
Nachtrag: Habe gerade ein tolles Morgenstern-Zitat zu dem Thema gefunden:
Es ist bitter, sich sagen zu müssen, dass man zwischen 35 und 45 zu erledigen hat, was man zwischen 45 und 60 hätte sollen erledigen können.
