19. August 2008

Repo! The Genetic Opera

Repo! BannerIch glaube, ich habe auf dem Fantasy Filmfest das zweite Rocky Horror gesehen. Aber eines nach dem anderen. Wir befinden uns in einer nicht allzu fernen Zukunft – Massives Organsterben hat die Weltbevölkerung gut dezimiert und die einzige Rettung kommt durch die Organimplantat-Programme der Firma GeneCo. Die käufliche Lebensverlängerung hat jedoch ihren Preis, und wer den nicht mehr zahlen kann, kommt auf die Jagdliste des Repoman, der die verschuldeten Organe einfach kurzerhand wieder zurückholt. Die Genetic Opera spielt in einer Welt, in der Chirurgie ein Fashion Statement ist und das Fleisch nur noch eine Ware. Und alles wird gesungen.

Repo! Paris Hilton PosterRichtig – der Film ist ein Musical, ein Schlachtfest mit einem astreinen Industrial-Gothrock-Soundtrack, durch den der gesamte Film präsentiert wird. Es geht um Leidenschaft, Perversion und eine unschuldige Seele, die in das gesamte Netz aus Lüge und Verdorbenheit hineingezogen wird. Das ganze findet vor einer visuell beeindruckenden Cyberpunk-/Gothromantik-Kulisse statt und so drängt sich mir der Vergleich zur Rocky Horror Picture Show geradezu auf.
Und die Besetzung ist einmalig – mit Ogre von Skinny Puppy als selbstverliebten Psychopathen, der sich Frauengesichter aufoperieren lässt. Hinter den Kulissen sind Bauhaus und andere Goth-Größen an der Mucke beteiligt und insgesamt lässt der Film für schwarze Seelen keine Wünsche offen. Und wenn man sonst keinen Grund hat, den Film zu sehen, sollte man ihn wenigstens wegen der Szene gucken, in der Paris Hilton das Gesicht abfällt. ;) Diese hat nebenbei eine überraschend gute Figur in dem Film abgegeben – wenig verwunderlich, da sie sich nur selbst darstellen musste, aber gut gepasst hat es trotzdem.

Tja, *das* hätte das Centerpiece des diesjährigen Filmfestivals sein sollen, da der Film auf eine große Leinwand gehört. “Let the Right One In”, dem letztendlich diese Ehre zuteil wurde, war vielleicht der inhaltlich anspruchsvollere Film, aber das hier war purer, geballter Rock ‘n’ Roll. Noch nie ging munteres Organschnibbeln und eimerweise Blut vergießen so gut ins Ohr. DVD-Release ist erst Ende diesen Jahres, aber ich kann nur raten, diesen Film abzugreifen, sobald es geht.

Offizielle Website (mit Film- und Musikclips) hier: http://www.repo-opera.com
Secret Download – eine kleine Handvoll Songs aus dem Musical – hier: http://www.repo-opera.com/secretdownload/
Das Passwort ist “geneco”.

Das ist für mich der Film des Jahres und ich kann nur allen Fans schriller und bizarrer Filme sowie allen Mit-Nachtschwärmern empfehlen, ihn irgendwie irgendwo so bald wie möglich zu gucken.

18. Mai 2008

Go Speed Racer, Go!

Speed RacerNachdem ich ihn jetzt im Kino gesehen habe, kann ich das Gemecker um den neuen Film der Wachowski-Brüder “Speed Racer” nicht verstehen. Was haben die Leute denn erwartet - einen zweiten “Matrix”?

Speed Racer 1966Die andere Klientel, neben den Filmkrittelern, sind die “Fans”, die zu viel Abweichung von der Serie in dem Film sehen. Dazu kann ich nur sagen der Göttin sei Dank weicht der Film von der Serie ab. Speed Racer mag nach Maßstäben von 1966 erste Banane gewesen sein, aber im Gegensatz zu den anderen Cartoon-Veteranen, die an jeder Verfilmung etwas zu mosern haben, erinnere ich mich noch gut an die Serie. Und sie war wirklich furchtbar. Vorhersehbar, dümmlich und - ehrlich gesagt - nicht besonders gut animiert. Allerdings auch ein Klassiker - in dem Sinn, das sie die erste Anime-Serie war, die je im deutschen Fernsehen lief. Und ja, sie hatte Momente - aber alles in allem war sie nicht so gut wie, sagen wir mal, Captain Future das etliche Jahre später war.

Speed Racer RallyeszeneZurück zum Realfilm “Speed Racer”. Der Film ist toll. Eine quietschbunte Achterbahnfahrt durch so ziemlich jedes Genreklischee mit turbulenten, immens fantasievollen, Rennszenen. Der kleine Junge in mir ist voll auf seine Kosten gekommen. Vielleicht ist es auch eine Sache der Erwartungshaltung - wer große Charakterentwicklung, tiefgründige Plots und überraschende Wendungen erwartet hat, wird vermutlich nicht auf seine Kosten gekommen sein. Der Anspruch wäre allerdings an einen Film, der die Zeichentrickserie Speed Racer aus den Sechzigern auf die Leinwand holen soll, auch nicht angebracht. Oder fair. Speed Racer gibt nicht wirklich das Material für eine tiefgründige Abenteuergeschichte her. Ich habe keine dramaturgische Tiefe erwartet, sondern Speed Racer - und ich habe bekommen, was ich erwartet habe: Autos mit ausfahrbaren Sägeblättern, Ninjas in Totenschädel-Unterhosen, eine Bienenstock-Schleuder und abgefahrene, vollkommen surreale, Rennen mit Raketenautos.
Selbst wenn man die Serie nicht kennt, oder mag, kann man sich den Film ansehen, wenn man Freude an Comics und farbenfrohen Actionfilmen hat.

Technisch gesehen konnte ich auch nichts entdecken, was mich wirklich gestört hat - Schnitt und Kamera lassen den Zeichentrick real werden und der geschmeidige Wechsel zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist eine der besten Übertragungen von Comic-Erzählweise auf die Leinwand, die ich bisher gesehen habe. Der grotesk überzogen bunte Set hat nicht nur tadellos in die Geschichte gepasst, sondern hat durchaus diesen Retro-60er-SciFi-Beiklang, den die Serie ja durchaus auch hatte. Mich hat nur eine Sache gestört - im Film hat Speed Racers Wagen tatsächlich auch die Robotersonde, die er auch in der Serie hat (es gibt sogar die dicken Knöpfe mit den Buchstaben drauf, wie geil ist das bitte?). Benutzt hat er sie jedoch nicht. Sehr schade. Dramaturgisch gesehen, war es so völlig unnötig, sie überhaupt so prominent zu erwähnen. Andererseits ist es ein hübscher Gag für diejenigen gewesen, die die Serie kennen. Dennoch, ein kleiner Wermutstropfen in einem sonst sehr amüsanten Film.

Fazit: Speed Racer ist ein Film für Geeks. Er ist knallebunt, rasant, cartoonhaft geschnitten und hat die Erzähltiefe einer 60er-Jahre-Trickserie. Es ist nachvollziehbar, dass das nicht alle erreicht. Wer keinen Spaß an Superhelden-Trickserien, Anime oder Comedy-Action hat, wird auch mit Speed Racer nicht glücklich. Alle anderen: Angucken, solange es den noch auf der Leinwand zu sehen gibt! Ein kunterbunter Glücklichmach-Achterbahnritt.