Transformers: Revenge of the Fallen
Hier sitze ich also, frisch zurück aus dem Kino und sehe mich in der undenkbaren Position, Kritik an einem *Transformers*-Film zu äußern. Der Fan in mir windet sich jedoch nicht, weil ich mit einer zwangsläufigen Neuinterpretation von Charakteren aus den 80ern unglücklich bin, sondern weil ich tatsächlich mit dem Film nicht so glücklich bin, wie ich es gerne wäre. Aber eines nach dem anderen. Der 2. Transformers-Film ist kein völliges Desaster. Er hat glorreiche Actionszenen, grandiose Roboterkämpfe und bringt eine Reihe von Charakteren auf die Leinwand, die das Herz des Fans höher schlagen lassen… würden.
Würden, wenn sie tatsächlich eine *Rolle* gespielt hätten. Was am ersten Film grandios war, war seine Simplizität. Wir hatten eine kleine Handvoll von Autobots, die wir alleine durch die kurzen Dialoge mit ihnen gut als Individuen kennenlernen konnten. Dieses Mal haben wir eine Handvoll großer Ikonen des Transformers-Mythos wie Arcee, Sideswipe, Soundwave oder Ravage mit an Bord und lernen trotzdem keinen von ihnen kennen. Warum nicht?
Weil sie bestenfalls 10 Minuten insgesamt zu sehen sind. Die restliche Zeit versuchen wir den Überblick über die zahlreichen Decepticons und menschlichen Charaktere zu behalten. Vergeblich. Als wäre die Flut an Charakteren nicht schon schlimm genug, kriegen zwei neue Charaktere jede Menge Leinwandzeit, die nur deshalb im Film sind, weil General Motors ihre neuen Konzeptwagen gerne auf der Leinwand sehen wollten. Das wäre ja noch OK, aber die zwei Kollegen sind wie die Autobot-Version von Jar Jar Binks und lösen in etwa dieselben warmen Gefühle im Betrachter aus. Na gut, OK, so schlimm wie Jar Jar Binks sind sie nicht. Nichts ist das. Aber schlimm genug, dass der Vergleich trotzdem Sinn ergibt. Ärgerlicherweise ist Skids in der Cartoon-Vorlage der Name eines Autobots, der absolut gar nichts mit seinem Realfilm-Namensvetter gemein hat.
Seit den ersten Leaks über den 2. Film wird die gesamte Fan-Community heiß auf den Realfilm-Auftritt von Arcee gemacht – nur um sie dann ein paar Sekunden durchs Bild huschen zu sehen und im Finale einen Satz von sich zu geben, um dann angeschossen und für den Rest des Films vergessen zu werden. Das ist das eigentliche Kernproblem mit dem Film: Es passiert zu viel an zu vielen verschiedenen Stellen. Kein Film erträgt z.B. mehr als einen Comic Relief Guy und dieser hat etliche. Neben all dem Roboterdrama habe ich mich mit dem menschlichen Drama etwas überfordert gefühlt und, offen gestanden, ich bin für die Bots ins Kino gegangen, nicht für Sam Witwickys Eltern, seine Hunde oder seinen irrsinnigen Professor – wobei die Szene eigentlich ganz witzig war. Im Grunde waren die Szenen alle ganz witzig – aber sie produzierten wieder und wieder einen Aufbau für etwas, was dann nicht kam, weil wieder ein neuer dramaturgischer Aufbau erzeugt wurde.
Ich will mich auch nicht über einen Mangel an Transformer-Szenen beschweren – die Roboterszenen waren, wie gesagt, großartig und ich kann damit leben, das in einem Kinofilm auch menschliche Charaktere vorkommen müssen. Es war nur zuviel. Zu viele Transformers, zu viele menschliche Nebencharaktere und eine zu epische Haupthandlung für die ganzen Gags am Rande, die unbedingt noch hinein mussten, als ob der Film ohne sie weniger Sinn ergeben hätte.
Einerseits ist es, aus Fanboy-Sicht, toll so viele bekannte Charaktere auf der Leinwand zu sehen. Andererseits wäre es für den Film besser gewesen, wenn sie die Anzahl der Charaktere kürzer gehalten hätten und ihnen mehr Raum zur Persönlichkeitsentwicklung gegeben hätten. Das klingt komisch im Bezug auf einen Actionfilm, aber einer der Punkte bei Transformers waren immer die einzigartigen Persönlichkeiten der Figuren. Außerdem hat es im ersten Film funktioniert, wenngleich wir da nichts über die Decepticons erfahren haben, was in diesem Film deutlich besser war. Drei neue Autobots, drei neue Decepticons (Arcee, Sideswipe, Jetfire sowie Soundwave, Ravage und meinetwegen “Alice”) hätten jedoch IMHO völlig gereicht. Neben den ganzen neuen Decepticons kommen noch unzählige Zusatz-Gadgets zum Einsatz, was total überflüssig war. Leute, Transformers sind Gadgets. Es ist einfach too much, wenn Ravage Legionen von Spionagesonden herumkarrt oder irgendwelche Biosonden zum Einsatz kommen, wenn weder das eine noch das andere einen handlungstechnischen Impact hat oder nicht auch von einem der Bots selbst hätte erledigt werden können.
Fazit: Der erste Teil war ungezwungener, simpler. Eigenschaften, die einem Actionfilm gut zu Gesicht stehen. Im zweiten Film ist es offensichtlich, das Bay den Vorgänger unbedingt “toppen” wollte (was offenbar mehr von allem bedeutet). Es ist kein schlechter Film. Als Transformers-Fan sollte man sich das sowieso nicht entgehen lassen, aber er ist bei weitem nicht so gut wie der erste. Einige Szenen im Film wirken wie Kandidaten für den “Deleted Scenes”-Bereich auf der DVD und man fragt sich, warum sie überhaupt im Film waren und was sie zur Handlung beitrugen, das sie unbedingt in die verdammt lange Endfassung hinein mussten. Wenn ich “Transformers: Revenge of the Fallen” eine Note geben würde, wäre es eine 3+. Sehr gutes Ausgangsmaterial, viele nennenswerte Höhepunkte, aber die einzelnen Teile halten nicht allzu gut zusammen und daher eben nur “befriedigend”. Ich schätze aber, dass ich ihn mir trotzdem auf DVD holen werde.
Ich muss zugeben, ich bin verwirrt. Die Idee eines Sherlock-Holmes-Actionfilms finde ich im gleichen Maße befremdlich, wie ich einen Problemfilm mit Superman seltsam finden würde. Nicht, dass ich es mir gar nicht vorstellen könnte – es wäre nur seltsam. 