26. März 2008

Geneforge: Lobhymne an das Computer-RPG

Wenn das Thema auf Computer-Rollenspiele kommt, fallen den Nerds unter uns natürlich gleich als erstes die allseits (und zu Recht) beliebten Bioware-Titel ála Baldur’s Gate und Planescape Torment ein. Das Genre, das ausgerechnet durch die Hack’n'Slay-Orgie Diablo in den späten 90ern plötzlich wiederbelebt wurde, fristet sonst eine eher stiefmütterlich beachtete Existenz und wird auf allen Plattformen nur spärlich bedient. Schlimmer noch, hatte der Erfolg von Diablo und seinen unzähligen Klonen doch zur Folge, dass das Genre synonym mit Arcade-lastigem Monsterbashing ohne nennenswerte Story wurde.

Geneforge 2 Weltkarte
Geneforge 2 Weltkarte

Umso bemerkenswerter, wenn man dann eine Perle des Genre an einem Ort findet, an dem man am allerwenigsten damit rechnet - im Bereich der Independent-Entwickler. Die kleine Firma Spiderweb Software zeichnet sich verantwortlich für das ganz hervorragende Geneforge, ein ambitioniertes Rollenspiel, das bereits mit einem vierten Teil aufwarten kann.
Geneforge 2 ZauberwahlGeneforge spielt in einer sehr originellen Fantasy-Welt, die von den Shapern regiert wird - Magier, die Leben erschaffen und verändern können. Ihre Herrschaft ist absolut und ihr Wissen eisern gehütet, sie sehen sich alleine als weise genug, sich dieser Kräfte zu bedienen und teilen praktisch so gut wie nichts mit der Außenwelt. Logisch, dass es hier Konfliktpotenzial gibt. Neben unzufriedenen Normalsterblichen, rebellischen Schöpfungen und anderen Shapern, die das Konzept der absoluten Herrschaft in Frage stellen, dreht sich die Handlung des Settings um die Frage nach der ethischen Bedeutung von künstlichen Leben und stellt, natürlich, auch eine Analogie zur Genforschung her. Gut, Böse, Richtig und Falsch sind immer wiederkehrende Themen in dem Spiel und alleine Entscheidungssache des Spielers.

Geneforge 4 Haus im Wald
Geneforge 4 Haus im Wald

Hier glänzt das Spiel - man hat unzählige Möglichkeiten der Interaktion, erforscht eine riesige Welt voller interessanter Begegnungen und hat nie das Gefühl, an einem festgelegtem Pfad zu wandeln. Um die 12 verschiedene Enden sind in jedem Teil möglich und es gibt zahlreiche Möglichkeiten, den eigenen Weg durch die Handlung zu gestalten. Die Art und Weise, wie man mit NPCs umspringt und sich allgemein verhält, hat direkten Impact darauf, wie sich die NPCs einem gegenüber verhalten und welche rollenspielerischen Optionen einem später offen stehen.
Das ist ein Grad der spielerischen Komplexität, den ich mir durchaus von einigen der “großen” Titel wünchen würde, die das vielfache dieser Spiele kosten.

Geneforge 3 Szene
Geneforge 3 Szene

Natürlich gibt es auch einen Haken - das Gameplay als solches ist verhältnismäßig oldschool. Isometrische 16Bit-Grafik und sehr simple Soundkulisse (die mit Geneforge 4 aber ein beachtliches Update erfahren hat). Es ist keine schlechte Idee, selbst etwas Hintergrundmusik aufzulegen (das freie Nine Inch Nails-Album Ghosts passt übrigens perfekt zu dem Spiel), um die etwas monotone Geräuschkulisse etwas aufzulockern. Nichtsdestotrotz wurde mit den begrenzten Mitteln der Engine Großes geleistet und das Spiel tut weder in den Augen noch in den Ohren weh. ;) Es wirkt halt nur ein paar Jahre zurück. Andererseits ist das Setting sehr originell - eine eigenartige Mischung aus Fantasy und Genzeitalter-Cyberpunk. Man spielt einen Charakter, der selbst Kreaturen erschaffen kann, die ihm zur Seite stehen und ein erkleckliches Repertoire an Zaubersprüchen erlangt. So hat man bald seine kleine Armee von willigen und mächtigen Kreaturen, die man aus der Distanz mit Zaubersprüchen unterstützt. Sehr cool. Wem handfestere Action mehr liegt, der spiel halt einen Guardian oder Agent, die besser im kämpfen oder tricksen sind.
Insgesamt ist es auch sehr angenehm, dass die Kämpfe sich organisch in die Handlung einfügen und nicht das Spielthema dominieren - selbst wenn sie zahlreich kommen. Man vergisst nie, dass es hier eine Handlung gibt und zahlreiche Konflikte lassen sich auch mit Trick 17 oder diplomatischem Geschick umgehen oder verhindern. Rollenspielerherz, was willst Du mehr?

Wem das Gameplay in einem Rollenspiel ohnehin wichtiger ist als die Grafik, sollte unbedingt einen Blick auf dieses Kleinod werfen. Sehr viel bessere Rollenspiele werden eigentlich nicht gemacht und besonders als Pen-and-Paper-Rollenspieler hat man tendenziell höhere Ansprüche an seine Bildschirmabenteuer, würde ich meinen. Geneforge erfüllt zumindest meine Ansprüche bravurös und gehört eigentlich in jede ordentliche Spielesammlung. Man kann es frei testen, also nicht lange fackeln - runterladen und rein ins Abenteuer. :)

05. Dezember 2007

Nachruf für Undying

Patrick Galloway und Jeremiah CovenantNach rund 6 Jahren ist es mir endlich gelungen, mal Clive Barker’s Undying zu Ende zu spielen. Ein Spiel, das von Gamespot zum “Best game that no one played” gewählt wurde. Schwer zu sagen, woran es lag, dass Undying so gefloppt ist. Das Spiel hat völlig zu Recht enthusiastische Kritiken erhalten und gilt nach wie vor als Geheimtipp.
Dennoch waren die Verkaufszahlen erbärmlich. So erbärmlich, dass sich EA dagegen entschieden hatten, den angekündigten Multiplayer-Patch nachzuliefern oder den angedachten zweiten Teil in Angriff zu nehmen. Sehr schade.
Vielleicht war es einfach die falsche Zeit für so ein Spiel - oder Grusel ist einfach kein sehr populäres Genre. Vielleicht genügt es auch einfach nicht, “eine gute Story zu haben”. Fakt ist, dass Undying nicht sehr originell klingt, wenn man nur darüber schreibt oder davon redet. Es ist wie ein gutes Buch, dessen Wert man erst erkennt, wenn man es tatsächlich mal aufschlägt und liest.

Diesem Haus glaubt man sofort, dass es spuktAls Clive Barker zur Entwicklung des Spiels herangezogen wurde, war es bereits ein laufendes Projekt, zu dem er nur etwas Unterstützung bei der Rahmenhandlung liefern sollte. Wie einige Änderungen auf Clive Barkers Website dokumentieren, war es eine sehr gute Entscheidung, ihm quasi die Zügel für die Story in die Hand zu geben.
Storytechnisch flirtet Undying mit dem Cthulhu-Mythos und anderen klassischen Grusel-Elementen. Natürlich spielt es auch um 1920 herum. Für ein Spiel, das technisch gesehen ein Ego-Shooter ist, ist die Handlung allererste Sahne. Und an der Präsentation ist beim besten Willen nichts auszusetzen. Die alte Unreal-Engine wurde bis zum geht nicht mehr ausgereizt und das Spiel sieht auch nach heutigen Maßstäben noch ziemlich gut aus. Ach, was rede ich - es sieht großartig aus.

Das Covenant-AnwesenDie Geschichte beginnt in einem alten Herrenhaus - es ist Nacht und (natürlich) bricht ein Gewitter von epischen Proportionen über das Anwesen herab. Es ist die perfekte Nacht zur Geisterjagd. Alleine das Anwesen der Covenants, um das sich das Gros der Handlung dreht, ist atmosphärisch perfekt und beschwört makellosen, wohligen Grusel herauf. Von da aus geht es zu unheimlichen Mausoleen, Klosterruinen und fremdartigen Dimensionen, aus denen unheilige Schrecken in diese Welt kommen.

Es gibt ein vorbildliches Inventar mit Tagebucheinträgen und Missionszielen, dass vom Screendesign her perfekt in die gesamte Atmosphäre passt. Ein wenig störend sind die quietschbunten Info-Anzeigen im unteren Bildschirmrand, aber daran gewöhnt man sich recht schnell. Der Protagonist hat mit eines der kreativsten Arsenale, die ich bisher je in einem Shooter gesehen habe, und peppt diese Auswahl an kuriosen Waffen noch durch eine Handvoll Scrye und Skullstorm als aktive Zaubernützlicher Zauber auf. Was mir persönlich wirklich gefallen hat, war, dass diese Zauber nicht nur eine Sammlung weiterer Vernichtungswerkzeuge darstellen, sondern auch Tricks enthalten, mit denen man Verborgenes oder Echos der Vergangenheit zu sehen vermag, magische Täuschungen aufheben oder sich selbst gewaltig beschleunigen kann. Gerade der Hellsicht-Zauber “Scrye” ist zwangsläufig einer der am meisten verwendeten Zauber im Spiel, da es alle Naselang etwas verborgenes oder geisterhaftes zu sehen gibt.

OneirosEin Spiel, dass einen wie in einen spannenden Gruselfilm aufsaugt und auf eine schaurig-schöne Reise mitnimmt. Vorbildliches Leveldesign, ein interessanter Mix aus Action, Story und Rätseln, Dialog mit dem Leuchtturmwärterstimmungsvolle Musik sowie durchaus hochqualitative Dialoge (mit geilen irischen Akzenten). Mir fallen nicht viele aktuelle Spiele ein, die so viele “Wow!”-Kriterien erfüllen. Dennoch ist es kommerziell gefloppt. Total seltsam und sehr, sehr schade.

Wer die Chance hat, dieses Kleinod noch mal zu zocken, sollte sich auf keinem Fall vom Alter des Spiels abschrecken lassen. Undying ist eine echte Perle im Schlamm der Mittelmäßigkeit.

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