Geneforge: Lobhymne an das Computer-RPG
Wenn das Thema auf Computer-Rollenspiele kommt, fallen den Nerds unter uns natürlich gleich als erstes die allseits (und zu Recht) beliebten Bioware-Titel ála Baldur’s Gate und Planescape Torment ein. Das Genre, das ausgerechnet durch die Hack’n'Slay-Orgie Diablo in den späten 90ern plötzlich wiederbelebt wurde, fristet sonst eine eher stiefmütterlich beachtete Existenz und wird auf allen Plattformen nur spärlich bedient. Schlimmer noch, hatte der Erfolg von Diablo und seinen unzähligen Klonen doch zur Folge, dass das Genre synonym mit Arcade-lastigem Monsterbashing ohne nennenswerte Story wurde.
Umso bemerkenswerter, wenn man dann eine Perle des Genre an einem Ort findet, an dem man am allerwenigsten damit rechnet - im Bereich der Independent-Entwickler. Die kleine Firma Spiderweb Software zeichnet sich verantwortlich für das ganz hervorragende Geneforge, ein ambitioniertes Rollenspiel, das bereits mit einem vierten Teil aufwarten kann.
Geneforge spielt in einer sehr originellen Fantasy-Welt, die von den Shapern regiert wird - Magier, die Leben erschaffen und verändern können. Ihre Herrschaft ist absolut und ihr Wissen eisern gehütet, sie sehen sich alleine als weise genug, sich dieser Kräfte zu bedienen und teilen praktisch so gut wie nichts mit der Außenwelt. Logisch, dass es hier Konfliktpotenzial gibt. Neben unzufriedenen Normalsterblichen, rebellischen Schöpfungen und anderen Shapern, die das Konzept der absoluten Herrschaft in Frage stellen, dreht sich die Handlung des Settings um die Frage nach der ethischen Bedeutung von künstlichen Leben und stellt, natürlich, auch eine Analogie zur Genforschung her. Gut, Böse, Richtig und Falsch sind immer wiederkehrende Themen in dem Spiel und alleine Entscheidungssache des Spielers.
Hier glänzt das Spiel - man hat unzählige Möglichkeiten der Interaktion, erforscht eine riesige Welt voller interessanter Begegnungen und hat nie das Gefühl, an einem festgelegtem Pfad zu wandeln. Um die 12 verschiedene Enden sind in jedem Teil möglich und es gibt zahlreiche Möglichkeiten, den eigenen Weg durch die Handlung zu gestalten. Die Art und Weise, wie man mit NPCs umspringt und sich allgemein verhält, hat direkten Impact darauf, wie sich die NPCs einem gegenüber verhalten und welche rollenspielerischen Optionen einem später offen stehen.
Das ist ein Grad der spielerischen Komplexität, den ich mir durchaus von einigen der “großen” Titel wünchen würde, die das vielfache dieser Spiele kosten.
Natürlich gibt es auch einen Haken - das Gameplay als solches ist verhältnismäßig oldschool. Isometrische 16Bit-Grafik und sehr simple Soundkulisse (die mit Geneforge 4 aber ein beachtliches Update erfahren hat). Es ist keine schlechte Idee, selbst etwas Hintergrundmusik aufzulegen (das freie Nine Inch Nails-Album Ghosts passt übrigens perfekt zu dem Spiel), um die etwas monotone Geräuschkulisse etwas aufzulockern. Nichtsdestotrotz wurde mit den begrenzten Mitteln der Engine Großes geleistet und das Spiel tut weder in den Augen noch in den Ohren weh.
Es wirkt halt nur ein paar Jahre zurück. Andererseits ist das Setting sehr originell - eine eigenartige Mischung aus Fantasy und Genzeitalter-Cyberpunk. Man spielt einen Charakter, der selbst Kreaturen erschaffen kann, die ihm zur Seite stehen und ein erkleckliches Repertoire an Zaubersprüchen erlangt. So hat man bald seine kleine Armee von willigen und mächtigen Kreaturen, die man aus der Distanz mit Zaubersprüchen unterstützt. Sehr cool. Wem handfestere Action mehr liegt, der spiel halt einen Guardian oder Agent, die besser im kämpfen oder tricksen sind.
Insgesamt ist es auch sehr angenehm, dass die Kämpfe sich organisch in die Handlung einfügen und nicht das Spielthema dominieren - selbst wenn sie zahlreich kommen. Man vergisst nie, dass es hier eine Handlung gibt und zahlreiche Konflikte lassen sich auch mit Trick 17 oder diplomatischem Geschick umgehen oder verhindern. Rollenspielerherz, was willst Du mehr?
Wem das Gameplay in einem Rollenspiel ohnehin wichtiger ist als die Grafik, sollte unbedingt einen Blick auf dieses Kleinod werfen. Sehr viel bessere Rollenspiele werden eigentlich nicht gemacht und besonders als Pen-and-Paper-Rollenspieler hat man tendenziell höhere Ansprüche an seine Bildschirmabenteuer, würde ich meinen. Geneforge erfüllt zumindest meine Ansprüche bravurös und gehört eigentlich in jede ordentliche Spielesammlung. Man kann es frei testen, also nicht lange fackeln - runterladen und rein ins Abenteuer.
