23. Februar 2010

Kinderzirkus

Ich hasse es wirklich, auf ein hochgehyptes Medienkarussell aufzuspringen, aber ich muss eine Meinung zu Helene Hegemann “Axolotl Roadkill” revidieren. Ich habe den, ähm, Roman nicht gelesen (und plane es in absehbarer Zeit nicht) und habe auch nicht vor irgendeine Meinung zu den Plagiatsvorwürfen zu äußern. Das Buch mag ein brillantes Plagiat oder literarischer Dreck sein – das ganze Gebilde um die Hegemann und ihr Werk ist jedoch die reinste Performance. Erfindungen entstehen oft durch Unfälle und auf Kunst scheint das im selben Maße zuzutreffen. Die Parade, zu der sich die wundergläubigen Literaten, Verlagsmenschen und anderen selbsternannten Kultivierten haben aufreihen lassen, ist pure Realsatire.

Ein Manifest der Dummheit und geistigen Verarmung der ganzen Branche und aller Beteiligten. Wie fanatische Kultisten stürzen sie sich auf die geringe Chance eines Wunders und zerren dabei Niveau und Glaubwürdigkeit auf dem Opferaltar. In der Zwischenzeit geschehen anderswo wirkliche Wunder, von denen die Verblendeten nie etwas bemerken werden, da sie nicht aus ihren verstaubten Tempeln und Elfenbeintürmen herauskommen.
Wenn überhaupt irgendwas, dann ist der “Hegemann-Skandal” ein Weckruf für die Kulturlandschaft Deutschland. Aber wie immer bei treffenden Satiren werden sie nur von jenen verstanden, die sie nicht betreffen.

28. Juli 2009

Staat vs. Gamer

Da ich immer noch einen Erkältungskopf habe, gibt’s diesmal nur ein paar Links zu einigen interessanten Artikeln in der Zeit Online zum Thema “Verbot von Killerspielen”. Ein kleiner Einblick in die absurde Hexenjagd unserer Zeit:

Wir sind keine Amokläufer (27.7)
Gamer demonstrieren gegen die staatliche Verunglimpfung ihres Hobbys.

Counterstrike – die Innenminister schlagen zurück (8.7.)
Von ahnungslosen, dummen, alten Männern und Jugendkultur.

Zu schnell geschossen (19.3.)
Ein Artikel, der sich mit dem absurden Gedanken beschäftigt, dass sog. “Killerspiele” automatisch zum Amoklauf führen.

“Solche Spiele sind unerträglich” (16.3.)
Ein haarsträubendes Interview mit dem bayrischen Innenminister Herrmann (CSU).

Dank an Elif fürs forwarden.

31. März 2009

Siffy

Das betrifft uns hierzulande zwar nur peripher, aber es ist beruhigend zu sehen, das hirnverbrannte Marketing-Entscheidungen global sind. Die Betreiber des “SciFi Cannels” haben sich zu einer Namensänderung in “SyFy” entschlossen – eine Entscheidung, die so fragwürdig ist, dass sogar die Agentur, die für die neue CI verantwortlich ist, sich davon distanziert.

Immerhin sorgt die Namensänderung für jede Menge Spottfutter in der Blogosphäre und so ziemlich jedem halbwegs geekigem Webcomic. Im Zuge seiner Begründung für den Namentausch und beabsichtigten Imagewechsel, bezeichnet der Senderpräsident Dave Howe SciFi als Synonym für “Geeks und disfunktionale, antisoziale Jungs in ihren Kellern mit Videospielen und solchen Sachen”. Womit er im Kern das gesamte, vermeintliche, Kernpublikum des Senders abgekanzelt hat.
(Zitierter Artikel hier)

Das Statement wurde zwar relativ schnell danach abgesoftet, aber diese disfunktionalen Geeks lassen sich nicht lange bitten, derartige Aussagen mit Warp 9 über das Internet zu verbreiten.

16. November 2008

Eigentor: Heilmann

Wikipedia-ScreenshotIn der Welt von Lutz Heilmann sind die Dinge noch einfacher: Wenn man etwas wegsperrt, wird es auf magische Weise uninteressant für alle Leute und niemand interessiert sich mehr dafür. Ich weiß nicht, wo so etwas funktioniert, im Internet jedenfalls funktioniert es nicht. Seit gestern ist http://www.wikipedia.de nicht mehr als Weiterleitung zur eigentlichen, deutschen, Wikipedia verfügbar. Der Grund ist eine einstweilige Verfügung, die vom Linke-Schlauberger Lutz Heilmann erwirkt wurde. Der Grund sind offenbar Mutmaßungen über seine Stasi-Vergangenheit in dem Wikipedia-Artikel über seine Person. Interessante Strategie – wenn ich mich auf diese Weise ungerecht an den Pranger gestellt fühlen würde, würde ich auch gleich als erste Maßnahme die betreffende Stelle zensieren. Mit Sicherheit achtet dann keiner auf meine Person.

Ich bin sicher, dass der Wikipedia-Artikel über Lutz Heilmann in den letzten Stunden mehr Hits bekommen hat, als jede Seite mit mutmaßlichen Nacktfotos von Paris Hilton. Slag, *ich* hatte bis vorhin keine Ahnung wer zum Baum Lutz Heilmann ist. Das wirklich bescheuertste ist, dass wikipedia.de nur die Weiterleitung zur eigentlichen Adresse de.wikipedia.org ist. Sein Artikel ist also bestens einsehbar und mittlerweile vermutlich die meist besuchte Seite im ganzen Archiv. “Wikipedia” mit einer einstweiligen Verfügung vom Netz nehmen zu wollen, ist ungefähr so, als würde man mit einer brennenden Bibel in die Kirche rennen und dabei nach einem Jesus-Verbot rufen. Und wenn man schon nach der Zensur schreit, sollte man wenigstens verstehen, wie das zu zensierende Medium funktioniert.

Oh, und die Blogosphäre glüht. Einen besseren Anti-Publicity-Stunt kann man sich gar nicht vorstellen. Ein paar Kostproben:

“Dieser Mann zeigt nicht nur ein (für die Linken) typisches seltsames Demokratieverständnis, indem er Millionen Nutzern den Zugang zu freiem Wissen abschalten möchte, weil er der Meinung ist, dass die freie Meinungsäußerung über seine Vergangenheit ihm missfällt.”
http://kommentare.zeit.de/user/diabolos/beitrag/2008/11/15/lutz-heilmann-und-die-freie-meinungsaeusserung

“Um es klar und ganz deutlich zu sagen, Lutz Eberhard Heilmann greift die Freiheit an, auch über solch wertvolle und tolle Menschen wie unsere Politiker, die Wahrheit oder das, was man für die Wahrheit hält, sagen zu dürfen. Er bedient sich dazu der Methode der Zensur. Erst kommt die Zensur, dann kommt die staatliche Gewalt und dann kommen die Lager. Es ist eine Kette wie wir sie immer wieder gesehen haben.”
http://www.duckhome.de/tb/archives/4015-Lutz-Heilmann-zensiert-Wikipedia.html

Herrlich. ^^

“Vor der sogenannten “Linken” müssen sich alle fortschrittlichen, freiheitlichen, emanzipatorischen und bürgerrechtsorientierten Gruppen und Menschen hüten wie vor einer Pest.
Das heisst aber eben nicht, dass man vor ihr Berührungsängste haben sollte. Ein Boxer weiss, was ich meine.”
http://www.radio-utopie.de/2008/11/15/LUTZ-HEILMANN-WAR-EIN-STASI-MITARBEITER

*gulp* Ich hoffe, der Herr Heilmann hat nach den Anwaltskosten noch Geld für einen Bodyguard.

“Heise zitiert den ehemaligen Stasi-Mitarbeiter Lutz Heilmann:

‘In dem Artikel standen falsche Tatsachenbehauptungen, die geeignet sind, meinen Ruf zu schädigen.’

Deswegen hat er auch noch Anzeige gegen drei Wikipedia-Autoren gestellt.”
http://netzpolitik.org/2008/lutz-heilmann-gegen-die-wikipedia/

Na, ein Glück dass sein Ruf jetzt gerettet ist. ^^

“Lutz Heilmann demonstriert, was die Linke von Demokratie hält: nichts”
http://blog.handelsblatt.de/indiskretion/eintrag.php?id=1966

Und der Ordnung halber: Der offenbar anstößige Artikel über Herrn Heilmann, nach wie vor bestens zu erreichen. Jedem anderen hätte es genügt, wenn der Artikel aus dem Netz verschwindet, aber bei der Linken wird offenbar gleich reiner Tisch gemacht und versucht, so ein korrupt-demokratisches Medium wie Wikipedia vom Netz zu nehmen. ^^ Sorry, ich konnte es mir nicht verkneifen. Also, wer bisher noch keinen Grund hatte, die Linke *nicht* zu wählen, kann ja diesen hier in Betracht ziehen.